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Halb Wissenschaft, halb Literatur
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Elias Canetti musste lange warten, bis seine dichterischen Werke Anerkennung fanden. Nicht besser erging es ihm mit seinem philosophischen Hauptwerk, einem behäbigen, zwischen Wissenschaftlichkeit und Literatur changierenden Erklärungsversuch für die beiden titelgebenden Phänomene. Darin verzichtet Canetti weitgehend auf wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der Fachliteratur. Stattdessen schreibt er, was er denkt, gelesen und selbst erlebt hat. Was ist Masse? Worin liegt ihre Faszination? Unterliegt sie bestimmten Gesetzmäßigkeiten? Diese Fragen treiben ihn um. Der Nationalsozialismus bildet die Folie für Canettis Beobachtungen, dass der Mensch gern in der Masse aufgeht und dass Macht sich vor allem aus dem Triumph des Überlebenden über die Toten ergibt. Welche Rolle Massensymbole spielen und warum Befehle überhaupt befolgt werden, wird ebenfalls dargelegt. Doch die politische Landschaft im NS-Deutschland ist nur der aktuelle Hintergrund, Canetti forscht tiefer und zieht vor allem anthropologische, ethnologische und soziologische Forschungen sowie eine Menge Mythologie zu Rate. Ein schwieriges Buch, dessen Bedeutung bis heute umstritten ist, an dem man aber nicht vorbeikommt, wenn man sich mit den Massenphänomenen des 20. Jahrhunderts beschäftigt.
Eine Rezension von Rolf Dobelli "getAbstract.de" > Luzern, Schweiz
vom 1. Juni 2007 |