Orte guten Lebens: Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll


 
Aktuell und politisch brisant
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Orte guten Lebens: Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll (Broschiert) Wer umfassend über die Kulturlandschaft 'Alpen' informiert werden will, nimmt das Standardwerk des Erlanger Kulturgeogra-fen Werner Bätzing zur Hand (3. Auflage 2005). Es gibt nicht nur Auskunft über die Geschichte, den kulturellen, ökologi-schen und sozialen Wandel dieses europäischen Gebirges, son-dern handelt auch von möglichen Zukunftsentwürfen für diese Region. Der Sammelband mit 24 Arbeiten Bätzings aus den Jahren 1978 bis 2008 ' von seiner Frau herausgegeben und mit einem lediglich für den Verkaufserfolg bedeutsamen Vorwort von Rein-hold Messner ' deutlich die Arbeitsweise des überdisziplinär denkenden und handelnden Wissenschaftlers auf: Bätzing forscht und schreibt nicht nur über Orte, Landschaften und Menschen der Alpenregion; er lebt und arbeitet zeitweise auch dort, worüber er forscht und lässt die verschiedenen Standpunkte zu ihrem recht kommen. Im besten Sinne kann man ihn also als ein-greifenden Forscher im Brechtschen Sinne charakterisieren. So ist sein Aufsatz über die 'nachhaltige Entwicklung des alpinen Tourismus' am Beispiel des Gasteiner Tals (278ff) nicht nur ein analytisch fein gearbeitetes Stück tourismuskritischer Provenienz, sondern gleichzeitig eine an den realen Problemen und Widersprüchen ansetzende Handlungsempfehlung für BürgerIn-nen und PolitikerInnen der beschriebenen Region. Bätzing ge-lingt es dabei, Erscheinungen an der Oberfläche (geografische Verhältnisse, scheinbare Naturkatastrophen, ökonomische Inte-ressenlagen etc.) mit historischen und sozial-kulturellen Er-kenntnissen so zu verbinden, dass die widersprüchlichen Zu-kunftsoptionen für die nachhaltige bzw. zerstörende Entwick-lung (in diesem Fall) einer Alpenregion auf der Hand liegen. Im falle des Gasteiner Tals führten Bätzings Arbeiten in Ver-bindung mit der Beteiligung der dort lebenden zu einem Touris-muskonzept, das bis heute das Etikett 'nachhaltig' verdient. Verf. verwendet den Nachhaltigkeits-Begriff restriktiv und historisch 'korrekt': 'Der Begriff der »nachhaltigen Nutzung« stammt aus der Forstwirtschaft und bezeichnet dort eine Nut-zungsform, die dem Wald nur so viel Holz entnimmt wie nach-wächst, sodass der Waldbestand durch die Nutzung weder redu-ziert noch in seiner Struktur verändert wird' (164), heißt es bereits 1993 in Bätzings Habilitationsvortrag (Nachhaltigkeit aufgrund sozialer Verantwortung). In einer vergleichende Dar-stellung zweier Alpentäler und dem bäuerlichen Umgang mit der alpinen Natur (mit notwendigen Prinzipien wie Akzeptanz der Nutzungsgrenzen, Vermeidung von Über- und Unternutzung natür-licher Ressourcen sowie Planung von Pflege- und Reparaturar-beit zur Stabilisierung der Kulturflächen etc.) zeigt Verf., dass die 'kommunal' organisierte Kontrolle der nachhaltigen Naturnutzung im piemontesischen Valle Stura (verbunden mit dem römischen Rechtssystem der Realteilung an Grund und Boden) zum vollständigen Zusammenbruch wirtschaftlicher und kultureller Strukturen führte, während im Gasteiner Tal die 'Wirtschafts-einheit Bauernhof' die Verantwortung der Naturnutzung hatte (nach germanischem Recht), was langfristig dazu führte, dass traditionelle und moderne Lebens- und Produktionsweisen kombi-nierbar waren und zum ökonomischen Überleben der Talbevölke-rung beitrug. Bätzing greift selten explizit auf die marxsche Gesellschaftsanalyse zurück; implizit jedoch ist den Aufsätzen anzumerken, dass Kategorien der marxistischen Warenanalyse e-benso zu seinem wissenschaftlichen Repertoire zählen wie his-torisch-materialistisches Denken. Kein Aufsatz ' egal ob er vom Lawinenwinter 1999 handelt (252) oder vom Weitwanderweg Grande Traversata delle Alpe (GTA) in den Westalpen ' kommt ohne ein geschichtlich einleitendes Statement daher, das gleichzeitig die strukturellen Rahmenbedingungen für eine öko-logische, soziale und kulturelle Darstellungs- und Entwick-lungsperspektive des jeweiligen Gegenstands aufzeigt. SO war-tet der Verf. in einem Beitrag mit dem Titel 'Die Schweiz und Österreich als »Alpenländer«?' mit profundem historischen und sozialökonomischen Wissen über beide Länder auf, was sowohl erklären kann, aus welchen Gründen die Schweiz als ein typi-sches Alpenland mit Bergbauernförderung eine aktive Alpenpoli-tik eher vermeiden will, während Österreich die Alpen inzwi-schen als 'integralen Wirtschaftsraum' betrachtet und damit auch eine führende Rolle bei der Umsetzung der 'Alpen-Konvention' auf europäischer Ebene einnimmt.
Im aktuellsten Beitrag, den Verf. eigens für den Sammelband schrieb, nimmt Bätzing ' der für sein literarisches und alpen-politisches Engagement italienische, deutsche und englische Auszeichnungen und Preise verliehen bekam ' kein Blatt vor den Mund, wenn er die Auswirkungen neoliberalen Wirtschaftens auf die Kulturlandschaft Alpen skizziert: 'Mit der Entwertung der direkten Ressourcen der Alpen, der Aufwertung der indirekten Ressourcen (Tourismus) und der Ausbreitung ubiquitärer Stand-orte werden die Alpen wirtschaftlich zur Peripherie gemacht, die ' vollständig von außen dominiert und beherrscht wird. ' Das moderne Wirtschaften ist nicht mehr langfristig ', sondern kurzfristig (Abschreibungszeiträume) ausgerichtet und mini-miert aus Kostengründen seine Produktionsaufwendungen, sodass die ökologische Reproduktion der menschlich genutzten und ver-änderten Natur nicht mehr gegeben ist' (337). In Verbindung mit der Vorherrschaft der alpennahen europäischen Metropolre-gionen (Wien, München, Genf etc.), welche die Alpen lediglich als Naherholungsraum (Hin-und-Weg) zur Steigerung ihres Markt-werts gebrauchen, warnt Bätzing vor einer Zukunft, in der 'völlig neue Landschaftsstrukturen entstehen, die entweder rein sachlich-funktionell geprägt sind (als ' ortlose Struktu-ren), oder bei denen aus städtisch-nostalgischen Gründen tra-ditionelle Strukturen museal erhalten oder als fingierte Ver-gangenheit neu erfunden und neu inszeniert werden (»Heidiland« auch dort, wo es nie einen Bezug zu »Heidi« gab' (343). Die Alpen sind für Verf. so etwas wie ein Warnsystem, in dem sich alle problematischen Entwicklungen einer kapitalistischen Ge-sellschaft früher und drastischer zeigen. Gleichzeitig sind sie die einzige Region, in der es gelingen kann, 'ökologische Stabilität mit kultureller Lebendigkeit zu verbinden' (350), wenn die utopische Dimension der Überwindung der vorfindlichen Gesellschaftsform mitgedacht wird.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 5. Dezember 2010
Kundenrezensionen:
2. Die Alpen als Paradigma der Verbindung von ökologischer Stabilität und kultureller Lebendigkeit
1. Aktuell und politisch brisant (die aktuell angezeigte Rezension)
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